Vorlesung 7. Bild, Zeichen, Ähnlichkeit

Inhalt
Vorüberlegung
Plato, Deleuze und das Trugbild

Vorüberlegung

In der letzten Vorlesung, vor zwei Wochen, habe ich angekündigt, ich würde etwas sagen, was zur Klärung eines Begriffes beitragen kann, den ich bisher zwar intensiv und mit Nachdruck verwendet habe, aber ohne ihn jemals eigens eingeführt oder profiliert zu haben. Das war der Begriff des Anblicks, so wie er vor allem in der Redewendung vorkam, daß der Anblick des Königs zB sich loslöst von der Alternative seiner möglichen Ursprünge, daß der Anblick sich verselbständigt. Eine andere pointierte Verwendung dieses Begriffes war es auch, als ich sagte: Die Repräsentation ist - zumindest aus einer gewissen Sicht - ein Übergang von einer Unsichtbarkeit zu einer anderen Unsichtbarkeit, und in dieser passage versteht es der Maler, den Anblick gleichsam zu pflücken.

Vor allem aus der Perspektive unserer übergeordneten Interessen sind da - abgesehen von Unklarheit und Unverbindlichkeit der Ausdrucksweise - interessante Fragen angesprochen. Erinnern Sie sich, daß ich es gleich in der ersten oder zweiten Stunde als eine wichtige Überlegung bezeichnet habe, ob Bildlichkeit symmetrisch sein muß: Ob also, wenn A ein Bild von B ist, dann immer auch B ein Bild von A ist. Und ich habe hinzugefügt einen weiteren Gedanken, nicht verbindlich, als bloße Spielerei eigentlich: Es könnte sein, daß diese Symmetrie nicht notwendig ist, daß also A ein Bild von B sein, kann, ohne daß B eines von A ist; ein Beispiel aus unserem gewöhnlichen Sprachgebrauch wäre etwa ein Foto von einem Menschen, eines dieser Automatenfotos sagen wir, die Bacon manchmal von sich selbst gemacht hat. So ein Foto ist ein Bild von Francis Bacon, aber nach den Intuitionen des gewöhnlichen Sprachgebrauches ist er nicht ein Bild seines Fotos. Und trotzdem könnte, im Geiste dieses spielerischen Gedankens, es notwendig sein, daß eine symmetrische Beziehung besteht zwischen Bacon und dem Foto, damit das Foto als sein Bild gelten kann. Wie diese Beziehung näher beschaffen sein müßte etc, das haben wir alles offengelassen, ich habe nur gesagt, daß ein oft genannter Kanditat für eine solche Beziehung die Ähnlichkeit ist. Ähnlichkeit ist symmetrisch, nach allgemeiner Auffassung: Es ist nicht möglich, daß D dem E ähnlich ist, ohne daß auch E dem D ähnlich wäre. Und es könnte sein, viele Leute sind dieser Auffassung tatsächlich, daß es nicht möglich ist, daß A ein Bild von B ist, ohne daß A dem B ähnlich ist, und dann folgt allerdings, daß auch B dem A ähnlich sein muß, freilich ohne daß es ein Bild von A zu sein braucht.

Soweit so gut, ist ja nur eine Erinnerung. Was uns jetzt daran interessieren könnte, ist eigentlich der genau umgekehrte Aspekt: Wenn das so sein sollte, wie beschrieben oder angenommen - was macht dann das Bild zum Bild, über die Ähnlichkeit hinaus? Es ist doch nicht so, daß immer, wenn eine Ähnlichkeit vorliegt, auch eine Bildbeziehung vorliegt. Aber wenn eine vorliegt, wodurch ist sie konstituiert? Und ist die Asymmetrie für sie wesentlich? Auch hier will ich nur ein banales Vorurteil ansprechen: Nämlich in vielen Fällen werden wir wohl den Ursprung zum Maßstab nehmen. Das Wort Ursprung verwende ich vage, da werden sich in Kürze einige wesentlich unterschiedene Dimensionen daran herausstellen. Also wir sagen zB: Das Foto könnte nicht zeigen, was es zeigt (oder so aussehen, wie es aussieht), wenn nicht Francis Bacon, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt seines Lebens, so ausgesehen hätte. Aber umgekehrt ist es wohl möglich: Er hätte auch genau so aussehen können zu diesem Zeitpunkt, ohne daß das Foto so ausgesehen hat, ja ohne daß das Foto überhaupt existiert hätte. ZB wenn der Apparat, in den er eben die Münzen eingeworfen hat, einen technischen Fehler gehabt hätte, einfach kein Foto hergestellt hätte. Hier ist das Wort Ursprung in einer relativ schwachen Bedeutung verwendet, ich meine auf jeden Fall schwächer als solche Wörter wie Hervorbringung oder Verursachung implizieren würden. Wenn wir eine Beziehung der Verursachung hier spezifizieren wollten, dann müßten wir wesentlich mehr Faktoren mit einbeziehen - Bacon's Aussehen ist ja nicht die Ursache des Aussehens des Fotos, da müssen noch tausend andere Dinge dazu kommen oder gekommen sein.

Wie auch immer, ich glaube Sie sehen, worauf diese hypothetische Überlegung hinausläuft. Es könnte jemand sagen: Na wunderbar, da haben wir ja alles, was wir brauchen: Ähnlichkeit plus eine passende Ursprungs-Beziehung - ergibt Bild. Freilich, solange nicht deutlicher geworden ist, was 'passend' heißt, kann man mit der Theorie kaum was anfangen. Nehmen Sie irgendeinen Fall her von zwei Dingen, die sich ähnlich sind nach einem gewissen Standard - ich muß das mit dem Standard dazusagen, weil ohne eine derartige Qualifikation die Annahme leer bliebe, weil ja bei jedem beliebigen Paar von Dingen in irgendeiner Hinsicht auf jeden Fall eine Ähnlichkeit besteht. Also wir nehmen an, daß wir zwei Dinge haben, die sich ähnlich sind in einer angegebenen Hinsicht, und dann nehmen wir als nächstes an, daß das eine Ding Ursprung des anderen Dinges ist. Das reicht offenkundig noch nicht aus, um das zweite Ding als Bild des ersten zu fixieren. Ich habe eine schwarze Füllfeder, die fülle ich immer mit schwarzer Tinte. Manchmal leckt die Füllfeder,und dann habe ich auf dem Papier so einen grauslichen schwarzen Fleck. Der Fleck und die Füllfeder sind sich nicht nur irgendwie ähnlich, sondern in einer angebbaren Hinsicht, insofern sie beide schwarz sind; außerdem ist die Füllfeder der Ursprung des schwarzen Flecks. Aber es wäre eigenartig, den schwarzen Fleck allein schon deshalb als Bild der Füllfeder zu bezeichnen.

Also das ist nicht eine Theorie, sondern die Idee von einer Theorie, die man beginnen könnte zu entwickeln, und das wird sicher sehr viel mühsame Arbeit. Wir entwickeln diese Theorie jetzt nicht (nicht nur deshalb nicht, weil viele mühsame Arbeit uns unsympathisch ist). Wir erinnern uns stattdessen an meine Redeweise von dem Anblick, der sich von seinem Ursprung gelöst hat. In der Sprache der kleinen Theorie, die wir eigentlich gar nicht haben, wäre das ein Bild, das uns bezüglich seines Ursprungs - wie man auf Wienerisch sagt - im Rathaus läßt, das uns seinen Ursprung prinzipiell verweigert. Und nun kann ein Bild klarerweise dieses bestimmte Bild nur in Bezug auf einen bestimmten Ursprung sein; also sieht es so aus, als müßten wir sagen, unter diesen Voraussetzungen ist es entweder gar kein Bild, oder es ist sowas wie ein unbestimmtes Bild. Es handelt sich, das möchte ich eigens betonen, nicht einfach um einen Rückfall auf die bloße Ähnlichkeit, zumindest nicht im Kontext der 'Meninas'. Denn für das, was man in einem Spiegel sieht, muß es immer einen Ursprung anderswo geben, und in diesem Sinn ist ein Spiegel immer Bild und nicht bloß Ähnlichkeit. Also sagen wir mal probehalber: 'Unbestimmtes Bild'.

Wir haben da eine Sache, die ist ein Bild. Es handelt sich nicht einfach um Ähnlichkeit, sondern Bildhaftigkeit; und das heißt, diese Sache sagt uns unüberhörbar: 'Irgendwo gibt es was, und so wie das sehe ich aus.' Und nun müßten wir wissen, wo dieses Andere zu finden ist, aber der Weg dorthin wird uns verweigert. Anderseits werden wir insofern ein bisserl gepflanzt, als wir ja beim Anblick der Sache, die hier ist, sowieso sehen, wie sie aussieht. Alle Dinge sehen irgendwie aus. Aber durch jene Botschaft, die auf etwas anderes verweist, macht sich die Sache zum Bild - und dadurch wird ihr Aussehen, ihr Anblick, in eine zusätzliche Beziehung gebracht, er wird sozusagen gelockert aus der exklusiven Verklammerung mit der Sache selbst. Da ist etwas, das schaut so und so aus; aber das Stehenbleiben bei dieser Einsicht wird verweigert, die Sache sagt: 'Irgendwo anders ist was anderes, so wie das sehe ich aus!' In vielen Fällen finden wir dann dieses andere und sagen zum Abschluß der Geschichte: 'Aha, davon ist es also ein Bild!' Dann haben wir für das, was von dem Anblick sich aus der Sache gelockert hat, wieder einen Anker gefunden, dann haben wir, wenn gewisse weitere Voraussetzungen erfüllt sind, ein Bild.

Aber wenn uns gewissermaßen gleich von Anfang an zusätzlich zu dem allen klar gemacht wird, daß entweder dieses Andere absolut unauffindbar sein wird, oder daß die Suche in einer abolut unauflösbaren Ambiguität enden wird, dann bleibt der abgelöste Anblick gewissermaßen in der Schwebe. Und eine Frage ist nun: Wie soll man so ein Ding nennen, das diesen schwebenden Anblick präsentiert? Ich denke oder ich hoffe, ich habe Ihnen schon durch diese Reflexionen ein etwas deutlicheres Gefühl geben können, was ich mit jenen Redewendungen gemeint habe. Aber ich will eben jetzt eigens noch eine mögliche Antwort auf diese letzte Frage vorstellen. Sie lautet: So ein Ding nennt man 'Trugbild'.