Vorlesung 3. Platonismus I

Inhalt
Vorbemerkung
Entstehungsgeschichte des neuzeitlichen Platonismus
Die Übersetzer

Sie erinnern sich, daß ich letztes Mal sehr allgemein über den Begriff der Schule gesprochen habe, hauptsächlich mit dem Zweck, ihnen ein Gefühl zu vermitteln für die Offenheit in bezug auf Philosophiekonzeptionen überhaupt, mit der wir der Renaissancephilosophie gegenübertreten müssen, wenn wir eine Chance auf Verständnis haben wollen. Die groben Orientierungsmöglichkeiten, die ich Ihnen da angeboten habe, werden sicher manchen von Ihnen den Eindruck gemacht haben, daß sie gar nicht so weit entfernt sind von dem, was wir als die Situation der Philosophie heute konstatieren können: daß da nämlich eine sehr unverbundene Vielfalt von Ausrichtungen möglich ist, Ausrichtungen, die man in ihren Differenzen gar nicht mehr als sachliche Gegensätze in bestimmten Punkten wiedergeben kann, sondern die viel tiefer divergieren, zB auch in der Frage, ob es sich bei der Philosophie überhaupt um etwas Lehrbares handelt, oder vielleicht nur um eine Abart künstlerischer Produktion oder um ein Ritual oder dgl. Das ist ein Punkt, in dem sich unsere Sicht der aktuellen philosophischen Situation übrigens sehr geändert hat in den letzten zwanzig Jahren, eine Änderung, die ich selbst gut verfolgen konnte von der Zeit meines Studiums bis heute.

Vor fast dreißig Jahren habe ich ein Buch gelesen, das gerade neu erschienen war, und das einen gewissen Effekt in der deutschen philosophischen Landschaft gehabt hat, das man als ein wichtiges Buch bezeichnen könnte in mancher Hinsicht. Das war der erste Band einer zweibändigen Ausgabe ausgewählter Schriften von Ch.S.Peirce, besorgt von K.O.Apel. "Schriften I, Zur Entstehung des Pragmatismus" (1967). Apel, der Herausgeber, hat zu diesem Band ein sehr umfangreiches Vorwort geschrieben, und das beginnt mit folgendem Satz: "Mit jener Überspitzung und Vereinfachung, die erforderlich ist, um eine komplexe Wahrheit sichtbar zu machen, könnte man sagen, daß in der Welt der Gegenwart, in der Lebenssituation der sogenannten Industriegesellschaft, genau drei Philosophien wirklich funktionieren, d.h. nicht vertreten werden, sondern Theorie und Praxis des Lebens faktisch vermitteln: Marxismus, Existentialismus und Pragmatismus." An diese Feststellung schließen sich dann noch einige weitere kulturgeographische Bemerkungen an, aber das interessiert uns jetzt nicht so sehr.

Worauf es mir ankommt, ist folgendes: diese Feststellung von Apel, die ist mir - und wahrscheinlich jedem anderen - damals ja wirklich ganz einleuchtend erschienen. Das waren die drei theoretischen Lehren, wie Apel selbst sie auch nennt, von denen man meinen konnte, daß durch sie die Philosophie repräsentiert ist in der uns überblickbaren Welt. Heute kann man darüber nur lachen. Am ehesten hat er an dem Punkt recht gehabt, auf den es ihm am meisten angekommen ist, Pragmatismus ist auch heute in der Tat ein Begriff, um den man nicht herumkommt, wenn man halbwegs geschäftsmäßig über das Selbstverständnis der Philosophie und ihren Platz in der Kultur insgesamt reden will. Aber daß der Existentialismus oder der Marxismus wesentliche philosophische Faktoren, daß sie in der philosophischen Diskussion bestimmende Faktoren wären, das läßt sich niemand mehr weismachen. Und nun besteht aber das, was uns davon so sehr entfernt, nicht einfach darin, daß an ihre Stelle andere Strömungen getreten wären, sondern da gibt es tiefere Gründe. Natürlich sind die anderen Strömungen auch aufgetreten, und sie waren wohl schon damals da, und K.O.Apel hat sie nur nicht bemerkt. Aber heute weiß jedes Kind, daß die Frage, welche Stellung die Philosophie in der Kultur, in der Gesellschaft einnimmt, überhaupt nicht davon abhängt, welche Lehre sie anbietet. Sondern es ist ganz klar, daß die verschiedenen Auffassungs- und Funktionsweisen von Philosophie in unserer Gesellschaft sich an dem Punkt unterscheiden, ob sie überhaupt etwas lehren soll und kann.

Wenn mich heute einer fragt: was sind denn gegenwärtig die großen Richtungen in der Philosophie, dann werde sagen: 1.die wissenschaftliche oder wissenschaftlich orientierte Philosophie, 2.die literarisch- kritische Philosophie, 3. die historische Forschung auf dem Gebiet der Philosophie. Das sind die Perspektiven, zwischen denen man sich entscheiden muß, wenn man seine Laufbahn als Philosophin planen will.

Und genau in dieser Hinsicht ähnelt unsere Lage derjenigen, die ich letztes Mal abstrakt beschrieben habe. Das ist die Offenheit, in der man heute als Philosoph steht, oder, wie manche Leute im jammernden Ton sagen: die Orientierungslosigkeit. Sie können das ja auch an dem Lehrangebot überprüfen, das Ihnen an unserem Institut geboten wird. Ist die Philosophie eine lehrbare Wissenschaft, oder eine Form literarischer Erzählung? Eine historische Disziplin oder eine mathematische? Eine Form von Lebenshilfe oder ein Stückerl erhaltenswertes Kulturgut? Entscheiden Sie sich während der Einführungswoche in Ihrem ersten Wintersemester, und wählen Sie dann Ihre Lehrer - für jeden Geschmack gibt es ein breites Angebot. Aber Scherz beiseite - es ist ja gerade das objektiv Zutreffende solcher Einschätzungen, was die Philosophie der Renaissance interessant macht.

Vorbemerkung

Nun, ich habe Ihnen dann gesagt, daß die ganze Auseinandersetzung um das Schulmäßige in der Renaissance vor allem auch von ihrem konkreten Anhaltspunkt her gesehen werden muß, also unter dem Blickwinkel der Kritik am Aristotelismus. Dazu habe ich ein paar grobe Daten angeführt, und ich habe dann gesagt daß die allerwichtigsten Impulse zu der Relativierung des Aristotelismus aus einer Bewegung gekommen sind, die Platonismus heißt, und der wir uns jetzt zuwenden wollen.

Dabei möchte ich, um die Kontinuität mit dem bisherigen zu wahren, zwei wichtige Punkte schon im vorhinein betonen. Erstens, diese platonisierende Bewegung kann man, vor allem in ihren Anfängen, wirklich überhaupt nicht als eine philosophische Strömung betrachten in dem Sinne, daß das sozusagen die Anhängerschaft an ein umrissenes Dogma bezeichnet. Das ist überhaupt nicht der Fall, etwas übertrieben - aber der Tendez nach richtig - kann man sogar sagen: der Platonismus der Renaissance entwickelt sich zuerst mal ohne spezifische Kenntnis der platonischen Lehre. Das klingt paradox, aber Sie werden sehen... Zweitens, ein Hauptgrund, warum ich den Platonismus an den Anfang stelle liegt darin, daß man in diesem Zusammenhang ganz gut einen Zugang sich bahnen kann zu dem "Renaissancehaften" der Renaissancephilosophie, also zu ihrem Selbverständnis im Geist der Wiedergeburt.