Vorlesung 4. Platonismus II: Ficino und Phaidros

Inhalt
Letzte Phase der Entdeckungsgeschichte
Platos Phaidros
Ficino zum Phaidros

Wir haben uns voriges Mal, anhand der wichtigsten Daten, einen groben Überblick verschafft über die Geschichte des Platonismus, und besonderes Augenmerk haben wir verwendet auf die Periode von Petrarca bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jh. Ich habe meine diesbezüglichen Ausführungen unter das Leitbild charakteristischer Zeitverschiebungen gestellt: Zuerst ist die Begeisterung da, aber die Sprache fehlt. Dann erlernt man allmählich die Sprache, aber es gibt noch eine weitere Verzögerung für die eigentlich philosophische Rezeption. Diese philosophische Rezeption kann man erst mit Marsilio Ficino datieren, aber ich möchte gleich eines vorausschicken: in keiner Phase in der Renaissance, auch nicht bei Ficino oder nachher, nimmt der Platonismus die Gestalt einer Plato-Forschung an, so wie wir das heute verstehen würden, und zwar nicht einmal ansatzweise. Also zB, und das ist zugleich der springende Punkt, es geht keinem dieser frühneuzeitlichen Platoniker darum klarzustellen, was nun wirklich die Meinung Platos war im Unterschied zu der des Plotin. Sie haben das nicht als eine vordringliche Fragestellung betrachtet, sondern sie sind davon ausgegangen, daß Plotin eine konsequente und unhintergehbare Entwicklung der Platonischen Philosophie darstellt. Das bedeutet ganz und gar nicht, daß sie sich selbst als Sklaven des Plotin gesehen hätten oder von uns so einzuschätzen sind. Unhintergehbar heißt gerade nicht unüberschreitbar. Es gibt wirklich neue und charakteristische Akzente in diesem frühneuzeitlichen Platonismus - aber die Basis, von der her sie gesetzt wurden, ist der Neuplatonismus. Also gut, ich habe daran erinnert, wie wir diese Periode von Petrarca bis zu Leonardo Bruni behandelt haben, Bruni, den man den ersten bedeutenden Plato-Übersetzer der Neuzeit nennen kann.

Letzte Phase der Entdeckungsgeschichte

Wir haben uns für heute die letzte Phase dieser Geschichte vorgenommen, dieser Entdeckungsgeschichte des neuen Plato. Sie endet dort, wo eine Entfaltungsgeschichte des neuzeitlichen Platonismus erst beginnen kann, bei Marsilio Ficino, dem Mann, der als erster das gesamte Werk Platos aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat, der dieses Werk fast durchgängig kommentiert, paraphrasiert und travestiert hat, und der ja auch selbst eine eigene Gestalt platonischer Philosophie geschaffen hat. Er ist von Machiavelli der “zweite Vater der platonischen Philosophie” genannt worden (Geschichte von Florenz). Aber diese letzte Phase, die zu dem Werk des Ficino führt, ist mindestens ebenso die Geschichte eines anderen Mannes, des Cosimo Medici; oder man sollte vielleicht sagen: des Cosimo Medici und seiner Familie, besonders noch seines Enkels, Lorenzo Magnifico. Cosimo, der Alte, hat den Ficino entdeckt, er hat ihn an die Familie gebunden so sehr, daß Ficino selbst mehrfach an ganz exponierten Stellen gesagt hat, auch nach dem Tode Cosimos, das war mein zweiter Vater - und Cosimo hat vor allem den Ficino für Plato begeistert.

Die Medici und Ficino

Die Familie Medici hat zu jener Zeit die Stadt Florenz beherrscht - zwar noch gar nicht lange, aber deshalb nicht weniger total. Der Reichtum der Familie geht auf Cosimos Vater zurück, Giovanni da Bicci dei Medici (1360-1429). Der Ruhm und Einfluß wird von Cosimo erworben il vecchio. Also nebenbei gesagt ist es ganz interessant zu wissen, daß zB Lorenzo von den Florentinern als ein Herrscher angesehen worden ist, ohne daß er auch nur einen Tag lang ein politisches Amt ausgeübt hätte. Zurück zu seinem Großvater Cosimo. Den können wir uns vorstellen als philosophisch begeisterten Humanisten vom Typ eines Leonardo Bruni - ein Typ, den wir im allgemeinen in den nächsten Stunden noch ein wenig näher beschreiben werden - nur daß der Medici eben kein Beamter war, sondern reich und mächtig, ein enormer politischer Faktor in Italien.

Die Story beginnt damit, daß Cosimo als Abgesandter von Florenz in der Empfangsdelegation war für die Byzantiner, die am 8.Februar 1438 in Venedig gelandet sind zu dem Gipfeltreffen zw. Jo.8.Paleologus mit Papst Eugen 4.Das war das Konzil von Ferrara von dem ich letzte Stunde schon gesprochen habe, und da waren vor allem auch jene beiden griechischen Philosophen dabei, Plethon und Bessarion (zwischen diesen beiden war übrigens ein sehr großer Altersunterschied, Pletho war uralt schon zu dieser Zeit, er hat von 1360 bis 1452 gelebt, während Bessarion gerade 36 gewesen ist. Er ist schon ein Jahr später ein Kardinal der römischen Kirche gewesen und hat bis 1472 gelebt.) Also den Einfluß der Familie Medici kann man nun zB daran ermessen, daß es Cosimo in sehr kurzer Zeit gelungen ist, das ganze Konzil von Ferrara nach Florenz verlegen zu lassen, weil das doch eine viel bedeutendere Stadt ist. Cosimo Medici war vor allem von Plethon sehr beeindruckt und wurde von dem nun bereits bekannen platonischen Enthusiasmus befallen. Und an diesem Punkt nun stößt man auf ein eigenartiges Stück historischer Mystifikation.

In einigen späteren Briefen Ficino's und auch in Zeugnissen anderer finden wir folgende Beschreibung: Der große Cosimo erkannte sofort den überragenden Wert der platonischen Philosophie; er erkannte in Pletho den authentischen Nachfolger, wenn nicht gar die Reinkarnation Platons; er erkannte, daß der Platonismus eine kontinuierliche Existenz gehabt hatte in der Zeit von der Schließung der Akademie bis zur Gegenwart (910 Jahre); und er beschloß die Akademie wieder zu eröffnen, und er beschloß den Philosophen Marsiglio Ficino zu ihrem Leiter zu machen und schenkte ihm eine Villa nahe der seinen in Carregi, und Cosimo, Ficino und viele andere Platoniker bildeten von da an die berühmte Platonische Akademie in Florenz.

Die Geschichte ist seltsam, weil Marsilio Ficino zu jener Zeit erst 6 Jahre alt war, der Sohn eines Landarztes von eher bescheidenem Adel, der nicht einmal besonders nahe bei Florenz lebte. Also es steht ganz außer Zweifel, daß Cosimo Ficino damals noch gar nicht gekannt hatte - wenn es auch stimmt, daß er mit seinem Vater irgendwann einmal in Berührung gekommen war. Trotz alledem ist die Geschichte nicht einfach ein historisches Ornament, sie enthält in ihrer Verdichtung etwas Wahres und vor allem Aufschlußreiches. Cosimo hat vielleicht wirklich schon im Jahre 1439 den Entschluß gefaßt, die Sache des Platonismus mit mehr Entschlossenheit und in einer organisierten Weise zu betreiben. Er war, in der Nachfolge Petrarcas, einer von denen die glaubten, daß in Platons Gedanken ein Heil für die Menschheit verborgen sei. Aber er hat die Aufgabe von einer praktischen Seite her gesehen, von dem her was konkret zu tun war: Erstens mußten nun wirklich einmal alle Schriften Platos an einem Platz zusammengetragen werden. Und zweitens mußte ein hochqualifizierter Übersetzer mit philosophischem Ehrgeiz und Talent gefunden werden. Es hat, wie wir heute wissen, gute zwanzig Jahre gedauert, bis beide Bedingungen erfüllt waren und der große Traum Cosimos von der Akademie wahr werden konnte. Während dieser Zeit stand vielleicht kontinuierlich vor seinem geistigen Auge, was die späte Fiktion Ficinos für eine Realität des ersten Augenblicks ausgibt: das corpus des lateinischen Plato, die Akademie im Garten über Florenz, die Figur eines toskanischen “alter Plato” als princeps academiae. Ungefährt im Jahre 1459, da war Ficino 26, dürften die beiden eine Art Kontrakt geschlossen haben. Jedenfalls hat Ficino, der damals schon ein ausgebildeter Philosoph war, die nächsten Jahre dem Studium des Griechischen gewidmet. Ja, ich möchte das nicht unerwähnt lassen, daß Ficino damals schon ein kleines philosophisches Werk veröffentlicht hatte, das trägt den Titel: Institutiones platonicae. Das ist, wenn Sie mir diese Ausdrucksweise gestatten, ein typisches Werk der vor-ficinianischen Plato-Literatur, mittelalterlicher Platonismus, gestützt auf Cicero, Macrobius, Apuleius, Augustin, Calcidius.

Ficino und die Texte

Na gut, in den paar Jahren zwischen 1456 und 1462 hat jedenfalls Ficino in seiner individuellen Biografie jene Zeitverschiebung egalisiert, die wir von Petrarca her als typisch für den neuen Platonismus konstruiert haben, diese Verschiebung von Erwartung und philosophischer Rezeption. 1462 hat ihm Cosimo wirklich die schon erwähnte kleine Villa geschenkt, sie können das auch bei Machiavelli nachlesen, in der Geschichte von Florenz, er hat ihn dort hineingesetzt und hat ihm die Plato-Texte hingelegt, und Ficino hat, abgesehen von einer kleinen aber sachlich nicht unbedeutenden Verzögerung, zu arbeiten begonnen. Zur Jahresmitte 1464 waren die ersten 10 Dialoge fertig. Am 1.August 1464 ist Cosimo Medici gestorben, man erzählt, daß ihm der Ficino am Totenbett diese berühmte rührende Stelle aus dem Phaidon vorgelesen hat, vom Tod des Sokrates. Endgültig fertig war die Plato-Übersetzung dann Ende des Jahrzehnts, so um 1470. 1484 ist die Sammlung zum ersten Mal gedruckt worden, in Wien haben wir eine Ausgabe von 1539. In der ursprünglichen Handschrift-Ausgabe war jedem Dialog ein kurzes erläuterndes Stück vorangestellt, ein sogenanntes Argumentum; aber unabhängig davon hat Ficino später zu manchen Dialogen größere selbständige Kommentare geschrieben, von denen einer, nämlich der zum Symposium, das meistgedruckte und einflußreichste seiner Werke überhaupt geworden ist. In den späteren gedruckten Ausgaben der Plato-Werke stehen dann diese ausführlicheren Kommentare vor den Dialogen. Das philosophische Hauptwerk des Ficino steht ebenfalls ganz dicht drin in diesem Zusammenhang, die Theologia Platonica. Ein anderes sehr berühmtes Buch ist De Vita Libri Tres. Aber wir werden uns zunächst ein anderes Stück ansehen, nämlich den Kommentar zum Phaidros, die Art, wie Ficino jene wunderbare Sokrates-Rede kommentiert, mit dem Wagenlenker-Gleichnis. Aber noch davor, und das wird uns den Rest dieser Stunde beschäftigen, will ich versuchen die Sache zu beschreiben, wie sie bei Platon aussieht.