Vorlesung 5. Platonismus III: Fortsetzung von Ficinos Phaidros-Deutung

Inhalt
Noch einmal über bildliche Sprache
Übergang zu Ficinos Interpretation

Wir haben uns vorige Woche mit dem Phaidros zu befassen begonnen, und zwar habe ich Ihnen zunächst einfach die Geschichte nacherzählt, mit Hervorhebung einiger wichtiger struktureller Aspekte. Und dann wollten wir mit Ficinos Deutung weitermachen, aber da habe ich eine Überlegung dazwischen geschaltet über die bildliche Sprache im Allgemeinen. Nachdem wir einige Möglichkeiten diskutiert hatten, habe ich Ihnen ein Beispiel gegeben mit der Unterscheidung von links und rechts; drei Zugänge zu dieser Unterscheidung wollten wir auseinanderhalten: einen rein diskursiven; einen rein intuitiven, der gar keine oder nur ein Minimum an diskursiven Kompetenzen voraussetzt; der dritte Zugang ist gemischt und das ist der, der uns interessiert hat: da geben wir die Erklärung in der Sprache, aber auf eine solche Weise, daß wir an gewisse Intuitionen oder sonstige Umstände, die außersprachlich sind, appellieren (mithilfe deiktischer Ausdrücke zB).

Noch einmal über bildliche Sprache

An dem Beispiel sieht man, daß die Bildlichkeit der Sprache eine ziemlich indirekte Sache ist. Bildliche Sprache ist nicht eine andere Art von Sprache in dem Sinne, daß sie eine Sprache ohne Worte wäre oder eine Sprache, die sich nicht um die Grammatik kümmern braucht; und bildliche Sprache ist auch nicht schon durch die Verwendung ausgefallener Vokabeln definiert. Die Bildlichkeit der Sprache ist etwas Strukturelles, eine bestimmte Konstellation zwischen Wort, Begriff, Bedeutung. Na ja. So weit sind diese allgemeinen Überlegungen noch gut in Einklang zu bringen mit unserer Plato-Stelle. Nämlich wir können sagen: Sokrates möchte etwas mitteilen, was sich begrifflicher Definition entzieht, und wozu er also an unsere Fähigkeit appelliert, eine bestimmte Situation vorzustellen und gewisse wesentliche Züge dieser Situation zu erkennen, und dann sollen wir uns halt so etwas dazudenken wie: Und so ähnlich ist es eben auch mit der Seele. Insofern kann man auch nachvollziehen, daß die bildliche Rede sozusagen als Ersatz einspringt für die theoretisch-erklärende.

Ja, aber wenn man etwas genauer hinsieht, dann ist das alles überhaupt nicht so einfach. Man muß sich doch fragen, “Ist es nicht bei jeder Aussage so, daß ich letztlich, wenn ich das Verständnis meines Gesprächspartners hundertprozentig sicherstellen will, auf etwas Konkretes hinweisen muß als dasjenige, was ich meine?” Wenn ich sage “Meine Mappe ist rot”, dann muß ich letztlich darauf vertrauen, daß mein Gesprächspartner das sichtbare Farbspektrum kennt und das heißt unter anderem, daß er nicht blind ist. Ich meine natürlich kann man sich auch mit Blinden darüber unterhalten, welche Farben die Dinge haben, viele Blinde sind sehr interessiert an solchen Sachen und sprechen auch untereinander über Farben, und insofern haben die Farbbegriffe für sie eine Bedeutung und muß man sagen, daß sie sie verstehen. Aber etwas Bestimmtes, was ich einem Sehenden mit dem Satz “Meine Mappe ist rot” mitteilen kann, kann ich einem Blinden nicht mitteilen, und zwar genau deshalb nicht, weil ich ihn nicht verweisen kann auf diese konkrete Situation des Farbsehens. Mit bloßen begrifflichen Mitteln kann ich das nicht wettmachen. Also habe ich bei so einem einfachen und banalen Satz dieselbe Struktur, wie in der sogenannten bildlichen Sprache. Aber kein Mensch würde auf die Idee kommen zu sagen, daß der Satz “Meine Mappe ist rot” bildliche Sprache ist, hingegen wenn ich sage “Die Seele ist ein Pferdegespann”, dann versteht das jeder sofort als bildhafte Ausdrucksweise.

Vielleicht sollte wir die Sache aber einfach umgekehrt sehen: Daß nämlich jede Art von Sprache, auch wenn sie rein diskursiv aussieht, letztlich auf etwas hinweist. Sodaß die bildliche Sprache nicht Ersatz für Diskursivität ist, sondern viel eher ihr Ziel. Die bildliche Sprache ist dann die Erfüllung der Sprache, die wahre Sprache. Das Reden der Blinden über die Farbe können wir vergleichen mit dem begrifflichen Diskurs. Es kann eine Ordnung aufweisen, die sich auf begriffliche Definitinen gründet etc. Aber das Reden der Sehenden ruht auf einem “plus” an Erkenntnis auf, nämlich einer Anschauung. Die Erfüllung des begrifflichen Diskurses mit solcher Bildlichkeit ist es, was ihn in gewisser Weise erst wahr macht.

Nun, wir sind jetzt nicht dazu berufen eine Entscheidung zu treffen zwischen diesen verschiedenen Sichtweisen von Bildlichkeit: Ersatz oder Ziel. Aber Sie werden sich inzwischen wohl erinnert haben, daß die Spannung, die da besteht, das Werk Platos sehr tief durchdringt. Einerseits gibt es einen Strang, der die höchste Erkenntnis und damit die Philosophie ganz im Gegensatz sieht zur dichterischen Sprache. Die dichterische Sprache redet in Bildern und löst Emotionen aus, aber nicht eigentlich Einsicht. Die Philosophie dagegen ist ein diskursives Verfahren, dessen höchste Entwicklung Platon mit dem Wort “Dialektik” bezeichnet. An manchen Stellen, vor allem im Phaidros gibt es eine, wird diese Methode so beschrieben, daß es um eine Wesensbestimmung der Sachen geht, um ihre Einteilung in Arten und Gattungen etc. Auf der andern Seite aber haben wir die vielen Stellen, wo das Erkennen ganz eindeutig in einer Anschauung terminiert und sich auch einzig aus dieser Anschauung heraus legitimieren kann. Man könnte in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, daß Plato dort, wo er nicht nur über die dialektische Methode spricht, sondern wo wir ein bißchen einen Blick auf ihr tatsächliches Funktionieren erhaschen - daß er dort also hauptsächlich in Proportionen und Analogien redet, also durchaus wieder bildlich, wie wir sagen könnten.

Aber das alles ist bei Plato vor allem Problem, mehr oder weniger unentschieden und umstritten. Denken Sie nur daran, wie wichtig es bei ihm ist, daß natürlich keineswegs jede hinweisende Sprache eine wahre Sprache ist.